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Bewegung, Reha & Selbstbild

Nebenwirkungen bewältigen: Physio, Sport und Haarersatz für den Weg zurück in den Alltag

Von Faszientherapie über Wandermarathon bis Perückenberatung – Schritt für Schritt zurück

20 Min LesezeitfragJulia Magazin

Physiotherapie nach Brust-OP: Mobilität und Lebensqualität zurückholen

Nach einer Brustkrebsoperation (brusterhaltend oder Mastektomie, mit oder ohne Lymphknotenentfernung) treten häufig körperliche Beschwerden auf. Dazu zählen das Axillary-Web-Syndrom (AWS) – im Volksmund „Verklebungsstränge“ oder Geigensaitenphänomen. Diese fühl- und sichtbaren Stränge von der Achsel bis in den Arm entstehen, wenn durchtrenntes Gewebe (v. a. verhärtete Lymphbahnen) sich verkürzen und an Narben fixieren. Folgen: Ziehende Schmerzen und eine deutlich eingeschränkte Beweglichkeit des Arms. Das kann sehr erschrecken, aber: „Dieses Phänomen kann sehr erschreckend und schmerzhaft sein, ist aber gut behandelbar.“

Physiotherapeutische Maßnahmen – insbesondere spezielle Faszientherapie – lösen die Stellen, wo die Stränge am Gewebe festhängen (oft an Narben), und dehnen die Stränge sanft in ihrem Verlauf. Oft berichten Patientinnen über rasche Erleichterung schon nach wenigen Sitzungen. Auch Narbenprobleme sind ein Gebiet für Physio: Große Operationsnarben können am Gewebe festhaften und Spannungen verursachen, was Bewegung und Haltung beeinträchtigt. Spezielle Narbenmassagen (manuell oder mit Schröpfgläschen) machen das verklebte Gewebe wieder gleitfähig. Dadurch lassen sich Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern.

Manchmal hilft dieser Prozess auch emotional: „Nach einer Brustentfernung ohne Rekonstruktion ist der Verlust der Brust besonders schwer zu verkraften. Hier können wir Physiotherapeuten durch Berührung und Behandlung der Narbe helfen, mit der neuen Situation umzugehen.“ – d. h. die behutsame physische Auseinandersetzung mit der Narbe kann auch zur seelischen Akzeptanz beitragen.

Weitere typische Beschwerden: Schmerzen/Verhärtungen durch Bestrahlung. Die Strahlentherapie kann Brustmuskeln (Pectoralis) und Bindegewebe unelastisch machen, was sich durch Spannungsgefühle und schmerzhaftes Ziehen beim Armheben äußert. Hier setzt Physio mit Dehnübungen und myofaszialer Mobilisation an. „Liegen auf der operierten Seite tut lange weh“ – auch das hört man oft. Ursache sind häufig fasziale Verklebungen unter der Achsel. Durch manuelle Techniken lässt sich das Gewebe wieder verschieblich machen, sodass solche Druckschmerzen verschwinden.

Und schließlich: Lymphödeme. Dank schonender Techniken (Sentinel-LK) sind schwere Armlymphödeme seltener geworden. Dennoch kann es bei Entfernung vieler Lymphknoten oder Bestrahlung der Achsel zu Schwellungen am Arm, der Brust oder seitlich am Rumpf kommen. Hier ist manuelle Lymphdrainage das Mittel der Wahl, kombiniert mit Kompressionsbandagen und speziellen Übungen (komplexe physikalische Entstauungstherapie). Wichtig: Sobald eine Schwellung auftritt, nicht zögern, Lymphdrainage verordnen zu lassen. Sport ist ausdrücklich erlaubt und erwünscht, sogar Krafttraining – aber langsam und unter Beobachtung anfangen. Die heutige Ansicht ist: Bewegung fördert den Lymphabfluss, solange man Überlastung vermeidet.

Insgesamt zeigt sich, dass Physiotherapie ein unverzichtbarer Bestandteil der Nachsorge ist. Experten raten: Bei anhaltenden Problemen ruhig früh ein Rezept holen – „zögern Sie nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen!“. Oft reicht schon eine kurze Verordnung von 6–10 Terminen, um deutliche Fortschritte zu erzielen.

Wandermarathon als Reha-Ziel: Sportliche Gemeinschaft gibt Motivation

Körperliche Aktivität ist ein wahrer „Wundermedizin-Bestandteil“ in der Krebsnachsorge. Nicht nur Studien belegen, dass moderate Bewegung das Überleben verlängern kann – vor allem spüren Betroffene selbst, wie Sport ihnen hilft, wieder Vertrauen in den Körper zu gewinnen. Ein schönes Beispiel sind Linda und Kristina: Zwei Patientinnen, die sich in der Reha kennenlernten und beschlossen, gemeinsam für einen Wandermarathon (42 km) zu trainieren.

Ihre Geschichte zeigt mehrere Schlüsselaspekte: Erstens, die Kraft der Community. Obwohl die beiden ~180 km voneinander entfernt wohnten (Mainz und Stuttgart), spornten sie sich gegenseitig an – sie vernetzten ihre Fitnessuhren, sahen die Trainingsfortschritte der anderen und motivierten sich, auch an schlechten Tagen loszulegen. Zweitens, die Rolle der Reha und strukturierten Programme. Beide waren in einer onkologischen AHB-Klinik speziell für jüngere Brustkrebs-Patientinnen. „Das Sportprogramm war großartig und motivierte mich, es in meinen Alltag zu integrieren“, berichtet Linda.

Drittens, Sport trotz Nebenwirkungen: Kristina zum Beispiel begann schon während der Chemotherapie wieder regelmäßig schwimmen zu gehen, als Mittel gegen Fatigue. Am Anfang fühlte sie sich schlapp und ihre Leistung brach unter dem wöchentlichen Paclitaxel ein, „ging erst einmal in den Keller“. Doch sie blieb dran und merkte: „Von Woche zu Woche fühlte ich mich besser“, das Schwimmen half ihr aus dem Energie-Loch.

Und viertens, das Erfolgserlebnis an sich: Im April (ein gutes Jahr nach Therapieende) traten sie gemeinsam mit einer Wandergruppe einen 35–42 km Marsch an. Linda musste nach 33 km wegen Blasen aufhören, Kristina marschierte die ganze Distanz ins Ziel. Aber beide waren „unglaublich stolz auf das Erreichte“ – völlig zu Recht. Linda hat bereits das nächste Ziel: einen Hindernislauf („Muddy Angel Run“) zusammen mit ihrer Tochter.

Diese Geschichte verdeutlicht: Ein sportliches Ziel – egal ob Marathon, 5-Kilometer-Lauf oder regelmäßiges Yoga – kann eine Patientin empowern. Es verlagert den Fokus weg von „bin ich krank?“ hin zu „was kann mein Körper (wieder) leisten?“. Dabei ist Gemeinschaft ein großer Faktor: „Trotz der schwierigen Zeit, die hinter uns lag, konnten wir viel miteinander lachen und uns gegenseitig Tipps geben.“ Wer nicht der Typ für Marathon ist: schon 3×30 Minuten zügiges Spazierengehen pro Woche senkt das Brustkrebs-Rückfallrisiko signifikant.

Haarwerkstatt und Perücken: Würde und Normalität durch Zweithaar

Der Verlust der Haare durch die Chemotherapie ist für viele Frauen einer der emotional schwierigsten Aspekte der Behandlung. „Mein Umfeld akzeptierte mich mit Glatze – aber für mich selbst war der Blick in den Spiegel hart.“ In dieser Phase kommen Perücken oder andere Kopfbedeckungen ins Spiel. Es geht um weit mehr als Eitelkeit: Haare sind Teil des eigenen Ichs und ihr Verlust konfrontiert einen ständig mit der Krankheit. Eine gut gemachte Perücke kann daher erheblich zum seelischen Wohl beitragen – sie ermöglicht, in der Öffentlichkeit „wie gewohnt“ aufzutreten, ohne Blicke oder Fragen, und gibt ein Stück Identität zurück.

Wichtig ist, das Thema früh anzugehen, am besten vor Beginn der Chemo: „Die Versorgung mit einer gut passenden Perücke ist während und nach einer Chemotherapie für viele Frauen zentral – möglichst vor Behandlungsbeginn klären“. Warum vorher? Dann kann der Zweithaar-Spezialist die eigene Haarfarbe, -struktur und Frisur noch im Original sehen und gezielt einen passenden Haarersatz auswählen oder bestellen. Viele Friseure bieten kostenlose Beratung an, sobald ein Rezept vorliegt.

Kassenleistung und Qualität: Brustkrebspatientinnen haben Anspruch auf eine Perücke oder Alternativen (z. B. einen hochwertigen Turban) auf Rezept. Die Krankenkasse zahlt einen Festbetrag, je nach Kasse und Region etwa zwischen 300 und 500 € für eine Kunsthaar-Perücke. Die Patientin leistet lediglich die gesetzliche Zuzahlung (5–10 €) und natürlich alles, was über dem Kassensatz liegt. Es lohnt sich, frühzeitig mit der Kasse zu klären, wie viel übernommen wird. „Die Zweithaar-Expertin übernimmt dann die Abrechnung mit der Krankenkasse, so dass nur die Differenz für einen eventuell höherwertigen Haarersatz zu bezahlen ist.“

Der Preis einer Perücke variiert stark nach Material und Verarbeitung: günstige Kunsthaar-Modelle gibt es ab ~150 €, hochwertige Echthaar-Perücken können 1.000–3.000 € kosten. Gerichte haben in Einzelfällen entschieden, dass Kassen auch teurere Echthaarperücken zahlen müssen, wenn es medizinisch begründet ist. Achten Sie auf zertifizierte Zweithaar-Spezialisten (z. B. staatlich anerkannter Zweithaar-Profi HWK, Mitglied im Bundesverband der Zweithaar-Spezialisten) – „echte Könner und Verkäufer von mittelmäßigen Faschingsperücken liegen auf dem Zweithaar-Markt eng beieinander.“

Kunst- vs. Echthaar: Kunsthaarperücken sind pflegeleicht (waschfertig, frisurfertig) und behalten ihren Look auch nach dem Waschen, sind aber weniger variabel. Günstige Modelle halten ca. 6 Monate, hochwertigere (handgeknüpft, hitzebeständige Faser, Monofilament-Ansatz) länger. Echthaar wirkt am natürlichsten – man kann es frisieren, färben – aber braucht mehr Pflege und kostet mehr. Jede Perücke wird in einem abgeschirmten Raum anprobiert und vom Fachpersonal auf die Kopfgröße eingestellt, zugeschnitten und frisiert, „um möglichst natürlich zu wirken.“

Nicht jede Frau möchte eine Perücke – viele tragen stolz Glatze oder bunte Tücher. Das ist ebenso legitim. Aber es ist wichtig, dass jede die Option hat, ohne finanziellen Ruin an ein würdevolles Zweithaar zu kommen. Daher: Rezept besorgen (vom Onkologen oder Hausarzt, Diagnose „Alopecia durch Chemotherapie“), Kostenvoranschlag vom Perückenstudio einholen, von Kasse genehmigen lassen – und dann in Ruhe aussuchen. „Mit der Perücke habe ich mich draußen wieder wie ich selbst gefühlt.“ Wichtig ist: Alles, was das Selbstbild stärkt, ist erlaubt.

Summa summarum sind Physiotherapie, Bewegung und passende Hilfsmittel wie Epithesen oder Perücken die „körpernahen Stellhebel“, um Schritt für Schritt in den Alltag zurückzufinden. Die medizinische Therapie kümmert sich um den Krebs, doch diese Maßnahmen kümmern sich um Sie als ganzen Menschen: Sie mindern Schmerzen, geben Funktion zurück, stärken das Körpergefühl und das Selbstwertgefühl. Damit tragen sie maßgeblich dazu bei, dass aus Überleben wieder Leben wird – mit möglichst viel Normalität und Freude an täglichen Aktivitäten. Oder wie es eine ehemalige Patientin formulierte: „Durch Sport, Physio und meine neue Frisur habe ich mir Stück für Stück mein Leben zurückgeholt.“

Quellen

Onkologische Fachzeitschriften; AHB-Klinik Berichte; Zweithaar-Spezialisten Verband; Krebsinformationsdienst.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zu deiner Behandlung wende dich an dein Behandlungsteam.